Das Boot könnte kentern

Auf dem Plakat sind Korallen und die unterschiedlichsten Tiere zu sehen. Auch ein Taucher ist deutlich zu erkennen – neben dem eigentümlich anmutenden U-Boot. Es ist eine Mischung aus Katamaran und U-Boot. Toiletten sind vorsichtshalber nicht an Bord, wie man der Gruppe wenig später als „lustig“ zu verkaufen versucht. Wer braucht schon Toiletten.

Unter Wasser wird das Boot mit zwei 7-Tonnen-Batterien betrieben. Bin beeindruckt! Der Tauchvorgang ist demnach eher auch nicht das Problem. Der Tag ist wolkenlos, die Sonne fühlt sich mittelprächtig warm auf der Haut an und es ist normal windig. Nach den Angaben der Reiseleitung haben wir demnach beste Voraussetzungen. Die Vorfreude steigt bei allen Anwesenden.

Bunte Fische und alles nur erdenklich Andere an Getier – eben mal unter Wasser, lebendig und nicht im Aquarium. Auch die Korallen stelle ich mir farbenprächtig vor. Diese Vorstellung haben endlose Tier- und Pflanzendokumentationen im TV geprägt. Live habe ich so was noch nie gesehen – außer in einem Aquarium. Das nächste Level wäre ein Tauchgang. Soweit bin ich aber noch nicht!

Der Ausflug soll ganze 4 1/2 Stunden gehen. Ich bin schon sehr gespannt. Als die Gruppe in einem Bus (kein Rocky in Sicht) im Hafen ankommt, werden wir zunächst darauf hingewiesen, dass kein WC an Bord ist. Auch die Getränke sollen wir – falls nicht schon mitgebracht – in dem kleinen Restaurant kaufen. Was bin ich da überrascht, als ich feststelle, dass die WC-Nutzung nicht kostenpflichtig ist und dazu auch noch von Sauberkeit gesprochen werden kann. Wasser hatte ich aus dem Hotel mitgebracht.

Ein quengeliger kleiner Junge, samt Familie, steht am Anleger. Dem kleinen Mann scheint es überhaupt nicht zu gefallen, jeden Moment unter Wasser eingesperrt zu werden.

Wir dürfen nach Freigabe vom Kapitän und anschließend auch der Reiseleitung am Bord gegen. Dort angekommen nehmen wir auf fest verankerten und weiß leuchtenden Plastiksitzschalen Platz.

Grob vibrierend werden zuerst die Dieselmotoren angeschmissen und wir schleichen förmlich aus dem Hafen, als die Leinen endlich los sind. Slow Motion ist nichts dagegen.

Meinen Berechnungen zufolge erreichen wir die Hafenausfahrt schon in unter einer Stunde. Was man dazu sagen muss: Der Hafen ist klein. Klein! Absolut überschaubar. Vorhin konnte ich noch locker von der einen zur anderen Seite schauen. Hätte ich doch mal die Schiffe gezählt …

Schiffe zu zählen ist kombiniert mit „Schleichfahrt“ in der prallen Sonne und mit jankenden Kleinkindern (der Junge hat eine noch kleinere Schwester, die seit dem Losdröhnen der Motoren überaus lebendig geworden ist) und ich einen überschaubar interessanten Hafen keine gute Idee.

Ich trinke Wasser. Mein Kopf beginnt schon gefährlich zu brummen. Blöderweise habe ich die Ohrstöpsel im Hotel gelassen.

Kaum haben wir die Hafenmauer links hinter uns gelassen, ändert der Kapitän den Kurs. Wir biegen quasi links ab – wie auch immer das auch auf See genannt wird. Irgendwas zwischen 50 und 100 Metern sind wir jetzt tatsächlich „schon“ hinter der Hafenmauer, schätze ich. Zu unserer Überraschung werden wir nun aufgefordert, im U-Boot-Teil Platz zu nehmen. Einige Anweisungen werden in einigen Sprachen vermittelt oder auch einfach nur heruntergeleiert. Degen den fortwährenden Motorenlärm ist es ohnehin aussichtslos. Die Kinder gehen ich eine regelrechte Panikattacke über, wenn ich dem energischen Heulen und Schluchzen trauen kann. Das wird ein tolles Erlebnis, denke ich mir noch, als ich in die längliche Röhre hinein stolpere. Das Katamaran-U-Boot-Dings schaukelt schon ein wenig. Ich stelle mir vorbeischwebende Fische vor. Große, Kleine und ganz Kleine. In allen Farben schillern Sie um die Wette und stehen anmutig und als Schwarm fungierend wunderschön im Wasser vor meinem runden U-Boot-Fenster – untermalt von hysterischen Kindern und viersprachigen Rentnern …

Die Einstiegsluke wird von innen mit einem dicken runden Rad geschlossen. Alles hier wirkt so massiv und gut gepflegt, dass ich mich sehr wohl fühle, bei dem Gedanken unter Wasser eingeschlossen zu sein. Der erste halbe Meter ist kaum spürbar. Aus den Außen Tanks am Boot wird wunderbar gleichmäßig die Luft herausgelassen und die Tanks füllen sich mit Wasser. Fast unbemerkt und absolut gleichmäßig. Erst als das Wasser an das Fenster reicht, bemerkte ich so recht, was passiert. Ab jetzt geht es immer schneller, gleichmäßig aber schneller. Etwa 100 Milliarden Klone einer winzigen Luftblase taumeln glitzernd an meinem Fenster vorbei und streben an die Oberfläche. Wir sind erst knapp darunter, die Oberfläche ist noch gut zu erkennen.

Das Boot neigt sich nun leicht nach vorne und wir sitzen schräg. Der Junge wird von der Mutter mittlerweile förmlich umklammert, er strampelt und gibt klägliche Laute von sich. Ich habe Mitleid mit ihm. Er hat tatsächlich furchtbare Angst. Die Reiseleiterin murmelt etwas von einer Wassertiefe von 18 Metern. Kaum jemand hört zu. Alle gaffen erwartungsvoll aus den Fenstern, verrenken sich die Hälse oder knebeln Kinder. Der Meerboden wird aufgewirbelt und sorgt für vernebelte Sicht.

Ich frage, wann der Taucher kommt. Der Junge dreht den Kopf. Ich glaube nicht, dass er meine Sprache spricht, also schaue ich ihn an und warte ab, ob er etwas sagen möchte. Der Ausdruck in seinem kleinen zarten Gesicht ändert sich explosionsartig. Er ist still, der Körper ist angespannt und sein Blick geht starr aus dem Fenster. Der Mund steht offen und die Mundwinkel arbeiten sich Mikrometer für Mikrometer in Zeitlupe nach oben. Seine Augen sind weit aufgerissen und er strahlt, als hätte er die gesamte Milchstraße in den Augen.

Der Junge sieht einen Taucher!

Offenbar inspiriert vom großen Bruder gibt das Mädchen ebenfalls Ruhe und schaut gespannt in die Richtung des Tauchers. Jetzt kann die Show beginnen. Kaum hat sich im Bootsbauch herumgesprochen, ein Taucher sei im Wasser, drehen sich alle Köpfe um. Für einen Moment habe ich Angst, das Boot könnte kentern.

Aber was soll’s. Wir sind ja schon am Meeresgrund angekommen.

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